Sonntag, 8. März 2020

Zum Weltfrauentag ein Blick auf den Lehrerinnenberuf im 20. Jahrhundert!

 

Frauenbildung und gebildete Frauen um 1900

 

1914 schrieb Arnold Sachse in seiner Schrift „Volksschulen“: „Die Erfahrung wird zeigen, ob das weibliche Geschlecht körperlich und geistig den jetzt gestellten Aufgaben gewachsen ist.“ Gemeint war damit die Angleichung der Lehrerinnenausbildung an die Ausbildung, welche ihre männlichen Kollegen erhielten.1 Das war ein Verdienst von Frauenorganisationen, in denen Lehrerinnen, aber auch andere Frauen sich vernetzt hatten, um für ihre Belange einzutreten.2


Erziehung und Bildung von Mädchen

 

Gelbe Broschüre 1887 von Helene Lange

Dass Mädchen zur Schule gehen, studieren und ihnen beruflich alle Wege offenstehen, ist für uns heute ebenso eine Selbstverständlichkeit wie der Unterricht bei einer Lehrerin. Doch das war nicht immer so.
Noch vor 120 Jahren waren unabhängige, berufstätige Frauen die Ausnahme, da die Gesellschaft die Frau vor allem als Ehefrau und Mutter vorsah. Ihr Wirken beschränkte sich allein auf den häuslichen Bereich, während der Mann das gesellschaftliche Leben organisierte und das Einkommen erwirtschaftete.
Die Erziehung der Mädchen bereitete sie schon früh auf ihre Rolle als Mutter und Ehefrau vor: Sie erlernten das Kochen und Hausarbeiten von ihren Müttern und anderen weiblichen Verwandten und verbrachten bis zu ihrer Heirat nicht selten eine Zeit als Hausmädchen in einem fremden Haushalt.
Auf dem Land und in den unteren Gesellschaftsschichten waren sie oft an der Erwirtschaftung des Unterhalts der Familie beteiligt. Die Schulbildung, das Erlernen von Lesen, Schreiben und Rechnen, blieb dabei oft auf der Strecke und nicht selten weist gerade sie Schulbildung von Mädchen trotz Schulpflicht auch um 1900 noch immer Lücken auf.

Wer wurde Lehrerin und warum?

 

Erst Ende des 19. Jahrhunderts öffnete sich das Bildungssystem mehr und mehr für Frauen. Lehrerin wurden zunächst vor allem Mädchen aus dem Bürgertum für die es eine der wenigen Möglichkeiten war sich unverheiratet oder im Todesfall des Ehemannes zu versorgen.
Die zweite Gruppe von jungen Frauen, die zu Lehrerinnen wurden, sind Mädchen aus der Unterschicht. Ihnen gelang damit ein sozialer Aufstieg, von dem auch die Familie oftmals finanziell profitierte.
Dass es sich aber trotz der vielen persönlichen Vorteile vielfach um Pädagoginnen aus Überzeugung gehandelt haben dürfte, zeigen das rege Engagement in Lehrerinnenvereinen und der vielfache Besuch von Tagungen der weiblichen Lehrkräfte.

Wie man Lehrerin wurde

 

Bis 1920 waren Lehrerinnen in Volksschulen, höheren Mädchenschulen und in Privathaushalten Angestellt, ohne eine einheitliche Ausbildung erhalten zu haben.3 Sie bereiteten sich durch Seminare über Privatunterricht oder durch autodidaktische Studien auf die Lehrerinnenprüfung vor.
Dies änderte sich 1911, als die Ausbildung und Prüfung der Volksschullehrerinnen von der Ausbildung und Prüfung der Lehrerinnen an mittleren und höheren Mädchenschulen vollkommen getrennt wurde. Lehrerinnen mit der Ausbildung für mittlere und höhere Mädchenschulen konnten an Volksschulen unterrichten, umgekehrt war das nicht mehr der Fall.4 
Mit dieser Regelung sollte eine Angleichung der Ausbildung männlicher und weiblicher Lehrkräfte und ein einheitliches Niveau erreicht werden. Die Laufbahn sah nun den Besuch der Staatlichen Lehrerinnenseminare zwingend vor. Bis 1900 existierten nur fünf dieser Seminare für Volksschullehrerinnen, von denen vier katholisch waren. Nach dem Erlass 1914 wuchs die Gesamtzahl auf 18 Seminare an.5

Historischer Arbeitstisch im Büro des Schulmuseums

Das Lehrerinnenzölibat

 

1880 wurde im Deutschen Reich das sogenannte Lehrerinnenzölibat erlassen. Frauen, die der Lehrtätigkeit nachgehen wollten, mussten ab 1880 unverheiratet sein und schieden mit einer Eheschließung aus dem Staatsdienst aus. Sie verloren damit ihren Beamtenstatus und ein Anrecht auf Pensionszahlungen.
Der religiöse Einfluss in der Lehrerinnenausbildung mag mit ein Grund für das sogenannte „Lehrerinnenzölibat“ gewesen sein, doch vor allem die bereits angesprochenen gesellschaftliche Aspekte und das Vorurteil, dass Frauen einer Doppelbelastung durch Familie und Beruf nicht standhalten könnten, spielten eine nicht unbedeutende Rolle. 

Die jungfräuliche Lehrerin?

 

Der Verzicht auf die Ehe bedeutet jedoch nicht, dass Lehrerinnen das oft verschriene Leben einer alten Jungfer führten und vom sozialen Leben ausgeschlossen waren.
Oftmals unterhielten sie rege Kontakte untereinander, hatten ein aktives Sozialleben und bildeten Wohngemeinschaften. Inwiefern diese unter Umständen tatsächliche Lebensgemeinschaften darstellten, lässt sich aber bislang mangels Dokumenten nicht nachvollziehen.

Lehrerinnen in der Moderne

 

Endgültig aufgehoben wurde das Lehrerinnenzölibat tatsächlich erst 1957 durch das Bundesarbeitsgericht.
Heute, 63 Jahre später sind Lehrerinnen und Lehrer weitgehend gleichgestellt. Lehrerinnen erhalten die gleiche Ausbildung und unterrichten dieselben Fächer wie ihre männlichen Kollegen - allerdings verdienen besonders Grundschullehrerinnen immernoch bedeutend weniger an ihrem Beruf.

 Melody Stach

Quellen:

1 Arnold Sachse, Volksschulen, aus: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II., zweiter Band neuntes Buch S. 51-77, 1914.
2 Ebd.
3 Susanne Pillmann, Mädchenbildung in Deutschland. Geschichte des Berufes Lehrerin, 2013
4 Arnold Sachse, Volksschulen, aus: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II., zweiter Band neuntes Buch S. 51-77, 1914.
5 Ebd. 

Montag, 27. Januar 2020

Anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung aus Auschwitz

In Gedenken ...

 

Als historisches Museum kommt auch der Schulhistorischen Sammlung eine Verantwortung zur Aufklärung und zum Gedenken zu. Heute, am Holocaust-Gedenktag, 75 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, fällt es schwer die richtigen Worte für einen Blogbeitrag zu finden, der sonst eher dazu gedacht ist über unsere Fortschritte zu berichten und Sie mit spannenden Einblicken auf dem Laufenden zu halten.

Was ist der angebrachte Ton? Nüchterne Wissenschaftlichkeit, oder ernste Betroffenheit? Sicher ist Forschung eine nüchterne Sache, man betrachtet Objekte und versucht ihre Geschichte möglichst neutral zu rekonstruieren und zu vermitteln, aber in diesem Fall geht es um die Opfer und die Erinnerung an sie. Nüchtern über dieses Thema zu schreiben halte wir persönlich nicht für angebracht. Was die Befreier von Auschwitz vor 75 Jahren vorfanden, muss unbegreiflich gewesen sein. Bis zu diesem Tag wurden in dem Konzentrationslager mehr als 1,1 Millionen Menschen ermordet. Sie starben in Gaskammern, an Krankheiten, wurden durch Arbeit zu Tode geschunden, oder fielen dem letzten Todesmarsch zum Opfer, mit dem die SS am 18. Januar 1945 das Lager evakuierte, als die Rote Armee kurz vor dem KZ stand. Der weit überwiegende Teil waren Juden aus ganz Europa. Dazu kamen etwa 140.000 Polen, Zehntausende Sinti und Roma sowie Tausende politische Häftlinge.


Als die Rote Armee am 27. Januar im Lager eintraf, fand sie noch etwa 600 – 800 der rund tausend zurückgelassenen Häftlinge lebend vor, von denen noch 200 trotz medizinischer Versorgung in den nächsten Tagen an Entkräftung starben. Der weit größte Teil der Inhaftierten befand sich bei eisigen Temperaturen, teilweise starkem Schneefall und ohne angemessene Kleidung oder Proviant auf dem Weg nach Gleiwitz beziehungsweise Loslau, von wo aus sie dann in offene Güterwaggons gepfercht werden sollten. Den Marsch von bis zu 63 Kilometer zu Fuß überlebten viele der Opfer nicht.
 

Die Menschen die dieses Schicksal erlitten waren Menschen aus der Mitte unserer Gesellschaft, Nachbarn, Verwandte und Schulfreunde, die auch aus Wuppertal stammten und Freunde und Bekannte unserer Eltern und Großeltern waren. Auch von Ihnen finden sich Spuren in der Schulhistorischen Sammlung. Ihre Namen stehen auf Zeugnissen und in Schulakten, sie sind auf Klassenfotos zu sehen und haben Poesiealben hinterlassen. Diese Dokumente in Händen zu halten ist bewegend. Es sind Dokumente von Menschen mit Träumen und Hoffnungen, wie alle jungen Menschen sie teilen und in diesem Fall statt erfüllt zu werden, allzu oft ihr Ende in einem Konzentrationslager fanden. 
 

Noch bestürzender ist es die Dokumente zu sichten, die von den Tätern hinterlassen wurden. Treuebekundungen von Lehrern an das NS-Regime, pädagogische Werke, die das menschenverachtende Gedankengut widerspiegeln, Anleitungen für Kinder, um die eigene, arische Herkunft zu belegen … 
 

Es ist und bleibt unbegreiflich.


Immer wieder wird die Frage gestellt, warum diese Erinnerungskultur sein muss, ob es nicht langsam genug wäre. Wir denken, dass es nicht genug ist, solange diese Frage gestellt wird. Gerade in unserer heutigen Zeit ist es wichtig nicht zu vergessen, nicht wieder in ein „wir“ gegen „die“ zu verfallen. Ganz gleich welche Herkunft, welche Hautfarbe, welche Religion, welche sexuelle Orientierung*, welches Geschlecht wir haben, wir alle sind Menschen und das was uns verbindet ist mehr als das was uns trennt. Es stimmt, dass wir alle nichts für die Fehler unserer Eltern und Großeltern, ja nicht einmal für die Fehler unsere Brüder und Schwestern können, aber wir sind verantwortlich für das was wir selbst tun und damit dafür, dass was wir zulassen und was nicht.

Damit #NieWieder.
 
Melody Stach 


Edit. 05.02.2020: Da "mitgedacht" nicht "explizit genannt" ist, haben wir dies nun ergänzt. Weitere Infos zum Thema gibt es hier.

Mittwoch, 20. November 2019

Was macht eigentlich das Schulmuseum?

Sie werden es sicher mitbekommen haben: unser Museum ist bis einschließlich Dezember wegen Umbaumaßnahmen geschlossen. 

Aber warum diese drastische Maßnahme?



Was bisher geschah

 

Die Schulhistorische Sammlung, die sich seit 1998 in Wuppertal-Vohwinkel befindet, und seit ihrer Gründung 1987 von Rolf Platte geleitet wurde, hat seit Juni 2019 eine neue Leitung: Melody Stach. Gemeinsam mit Klaus Jankowski und Finlay Schmitt widmet sie sich seither der Aufarbeitung und Überprüfung der Sammlung.

 

Da war der Wurm drin ...


Leider wurde bei der Durchsicht der sich im Museum befindlichen Objekte, ein teils starker Ungezieferbefall feststellt, der dringenden Handlungsbedarf erforderlich machte. Da sich zudem einige der Exponate in schlechtem Zustand zeigten und aufgrund von Brandschutzbestimmungen einige Räume für Besucher nicht länger zugänglich sind, entschlossen wir uns für eine Generalüberholung des Museums und seiner Sammlung.


Der Stand der Dinge


Zum jetzigen Zeitpunkt sind sowohl die Buchbestände neu geordnet, als auch die Tierpräparate vollständig gesichtet und beurteilt worden, wobei es einige spannende Entdeckungen gab. So fanden sich nicht nur seltene Objektbestände wie Schülerhefte und allerhand Werke zur Pädagogik unter den wiederentdeckten Schätzen, sondern auch echte (Anatomie)Skelette, die als vermeintlich stumme Zeitzeugen eine ganze Menge über ihre Zeit und ihr Leben zu berichten wissen.

Aus alt wird nun nach und nach ganz neu ..

 

Die Tierpräparate befinden sich nun in der Bearbeitung. Auch wenn einige wenige nicht zu retten oder zu stark mit Chemikalien belastet sind, ist ein guter Teil noch in einem Zustand, der eine Restauration, beziehungsweise einen Erhalt rechtfertigt. Da wir beschlossen haben, dass wir künftig ein neues didaktisches Konzept und eine überarbeitete Ausstellung präsentieren wollen, werden dennoch nicht mehr alle Tierpräparate in den Vitrinen zu sehen sein.


Das Rätsel um die Knochenkiste


Die Skelette gehören zu den momentan spannendsten Objekten in der Sammlung. Nach dem überraschenden Fund in einer Holzkiste und der ordnungsgemäßen Meldung, begann eine spannende Suche nach der genauen Herkunft, an deren Anfang die gewissenhafte Untersuchung der Knochen und die Ermittlung von Geschlecht, Sterbealter und Körpergröße stand.

 
Die mysteriöse Knochenkiste


Dankbarer Weise waren die teil präparierten Skelettteile in Zeitungspapier gewickelt, sodass sehr rasch feststand, wann sie in die Kiste gelegt wurden, nur die Herkunft blieb zunächst unklar. Ganz gelöst ist das Rätsel zwar noch nicht, aber wir sind auf einem guten Weg.

Die Skelette, eingepackt in Zeitungspapier


Die dunklen Kapitel der Schulgeschichte

 

Auch die dunklen Kapitel der Schulgeschichte sind, wie sich zeigte, bei uns im Museumsbestand vertreten. Damit seien an dieser Stelle nicht die pädagogisch fragwürdigen Ansätze zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts gemeint, sondern die Jahre 1933 bis 1945.

Die Zeugnisse aus dieser Zeit stellen mit Sicherheit die unrühmlichste Inventargruppe unseres Museums dar, die nichtsdestotrotz an dieser Stelle Erwähnung finden soll, da ein Museum, insbesondere ein geschichtliches, immer auch die Aufgabe hat aufzuklären. Daher wird in Zukunft ein Schwerpunkt auf der wissenschaftlichen Bearbeitung dieses Materials liegen.


Ein Ausblick in die Zukunft - weiter hinein in die Forschung!


Als nächstes Etappenziel stehen die Gründung eines Fördervereins und die Sortierung des Kartenmaterials im Keller an. Langfristig soll die gesamte Sammlung inventarisiert und digital erfasst werden. Ein besonderes Anliegen sind zudem die Provenienz-Forschung und die Zusammenarbeit mit Universitäten, um die Bearbeitung des Materials zu bewältigen.

Seien Sie gespannt auf´s neue Jahr ...

 

Ab Januar 2020 wollen wir mit einer neuen Ausstellung wieder voll durchstarten und laden Sie herzlich ein, uns zu besuchen und sich von neuen alten Geschichten überraschen und in den Bann ziehen zu lassen. Bis dahin gibt es aber noch einiges zu tun.

Mittwoch, 16. Oktober 2019

Auf in die Provenienzforschung!

 

Katalog zur Tagung über die Provenienzforschung in NRW im Goethemuseum Düsseldorf

 

Provenienzforschung – Was ist das eigentlich und warum ist sie so wichtig?

 

Wer uns auf Facebook und/oder Instagram folgt, hat es vielleicht schon mitbekommen: Wir vom Schulmuseum haben uns Provenienz-Forschung auf die Fahne geschrieben. Wem dieser Begriff schon einmal begegnet ist, denkt vermutlich zunächst an Raubkunst und Wiedergutmachung, doch betrifft die Frage nach der Provenienz längst nicht nur Kunstgenstände.

Und was ist das nun genau?


Zunächst ist Provenienz nichts anderes als die Geschichte eines Objekts. Diese gibt Auskunft über die Eigentumsverhältnisse, die Voreigentümer und darüber woher das Objekt stammt. Über diese Informationen lassen sich Enteignungen feststellen, aber auch neue Themen und Zugänge zur Vermittlung von Inhalten finden. Und das ist für alle interessant.

Mehr als nur eine Zusatzinfo 


Ein historisches Objekt ist ohne Kenntnis seiner Provenienz nicht mehr als ein Gegenstand, erst seine Geschichte gibt ihm eine Seele. Um ein Beispiel zu präsentieren: Eine historische Tabakdose, reich verziert und hübsch anzuschauen ist ohne die Kenntnis ihrer Provenienz eben nur eine Tabakdose. Weiß man aber, dass sich diese Tabakdose einst im Besitz des bedeutenden Pädagogen FriedrichWilhelm Dörpfeld befand, wird es spannend:
Dörpfeld entwickelte als erster ein Allgemein­bildungskonzept, in dem Gesellschaftskunde, Naturkunde und Religion vereint wurden und hinterließ eine Zahl geradezu moderner Werke der Pädagogik die sich ebenfalls bei uns im Museum befinden. Er ist derjenige, dem wir den noch heute in Grundschulen üblichen Sachunterricht und den Namen einer Schule in Wuppertal-Ronsdorf verdanken.
Doch trägt in Wuppertal noch eine weitere Schule den Namen Dörpfeld. Das Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasium ist nach Friedrich Wilhelm Dörpfelds Sohn benannt. Dem Archäologen, der als der Begründer des modernen Grabungswesens gilt und der gemeinsam mit Heinrich Schliemann in Troja forschte. Somit führt einen die Geschichte einer einzelnen Tabakdose zur Geschichte zweier bedeutender Personen und zur Namensgebung zweier Schulen, womit man Stoff für eine ganze Ausstellung und eine mindestens einstündige Führung hat.

Die Tabakdose des Pädagogen FriedrichWilhelm Dörpfeld

 

Je alltäglicher der Gegenstand, desto schwieriger dessen Erforschung


Natürlich ist diese Tabakdose ein Glücksfall. Was im Bereich der Kunst zuweilen noch einfach ist (die Voreigentümer bekannter Kunstwerke lassen sich zumeist erfreulich gut recherchieren), stellt bei Alltagsgegenständen im Normalfall eher eine Herausforderung dar.
Den Besitzer eines alten Lederranzens ausfindig zu machen ist eine kaum lösbare Aufgabe, denn diese Lederranzen glichen sich stark und waren ebenso Zahlreich wie ihre Eigentümer. Einfacher ist es da unter Umständen mit Büchern oder anderen persönlichen Gegenständen, die mit dem Namen des Eigentümers beschriftet sind. Hierüber lässt sich relativ schnell herausfinden, wer der Eigentümer war und aus welchem sozialen Umfeld er stammte - was z.B. besonders schön bei Poesiealben zu sehen ist.

Wie wird vorgegangen, um die Provenienz zu klären?


Die Klärung der Provenienz verläuft zunächst in drei Schritten: Zuerst erfolgt eine Sortierung des Sammlungsbestandes, um eine Übersicht zu erhalten. Als zweiter Schritt folgt die Archivierung, bei der das Objekt eine Nummer und ein Datenblatt erhält, in dem alle bekannten Informationen festgehalten werden. Diese Informationen enthalten eine genaue Beschreibung, ein Bild und falls Vorhanden, die Information wie das Objekt in die Sammlung gelangte.
Bei einigen Objekten tritt hier schon die erste Schwierigkeit auf und die eigentliche Provenienzforschung beginnt. Das ist dann ein wenig wie eine Schnitzeljagt, die einen durch diverse Archive und Akten führt und mit den unterschiedlichsten Menschen in Kontakt treten lässt. Alle Mühe kann dabei aber nicht verhindern, dass manch eine Spur im Sand verläuft und einen zwingt neue Strategien zu entwickeln. Zuweilen helfen in solchen Fällen Zeitungsaufrufe, doch drängt bei vielen Objekten die Zeit, denn je älter das Objekt, umso geringer die Wahrscheinlichkeit, noch Personen zu finden, die sich erinnern können.

Was geschieht, wenn ein Objekt unrechtmäßig in die Sammlung gelangte?


In diesem Fall wird Kontakt zu den rechtmäßigen Eigentümern – oder sollten diese verstorben sein, zu deren Erben aufgenommen. Aber was passiert dann mit dem betreffenden Objekt?

Da gibt es viele Möglichkeiten. Die Entscheidung liegt dabei beim rechtmäßigen Eigentümer, dem es freisteht sein Eigentum zurückzufordern, es als Dauerleihgabe bei der Institution zu lassen, oder gar eine Schenkung vorzunehmen
Melody Stach

Dienstag, 25. Juni 2019

Lebendige Geschichte(n)

Geschichte lebendig machen – wie ein Museum entsteht und weiterlebt!


Um ein Museum ins Leben zu rufen, braucht es zu Anfang eine Sammlung mit spannendem Material und einen Ort um diese unterbringen und präsentieren zu können. Die Grundlage dazu wurde 1987 geschaffen, nach einer Initiierung des Schulamtes und des damaligen Schulverwaltungsamtes sowie Zustimmung des Rates der Stadt Wuppertal. Maßgeblich beteiligt daran war der langjährige Leiter des Museums Rolf Platte.
Über die Jahre in denen er die Sammlung betreute, erhielt er diese nicht nur, sondern konnte sie auch um einige Stücke erweitern. So fanden manche Schätze ihren Weg in das Museum. Nicht nur zahlreichen Schulklassen wurde so der Unterricht von früher nähergebracht, sondern auch so mancher Erwachsene in die eigene Schulzeit zurückversetzt. Das Erleben zu können ist der Moment, der Geschichte spannend und lebendig macht - für mich persönlich übrigens einer der Gründe, die mich dazu brachten dieses Fach zu studieren. 

Was greifbar ist, bleibt im Gedächtnis

 

Die meisten von uns wissen noch aus dem Schulunterricht wie trocken es sein kann, sich ausschließlich theoretisch, durch Bücher, mit Geschichte zu befassen. Was ist Ihnen davon wirklich im Gedächtnis geblieben? Ich wette, dass es in den meisten Fällen einige lebhafte Beschreibungen, ein paar Abbildungen, aber vor allem Dinge sind, die sie anfassen konnten; sofern Sie das Glück hatten dies von einem engagierten Lehrer ermöglicht zu bekommen. Kommen wir also zu den nächsten beiden Dingen, die ein Museum zu dem machen was es ist, ein Konzept und engagierte Menschen, die es umsetzen.

Mehr als nur eine Sammlung - Geschichten erzählen!


Ein Museum ist mehr, als Gegenstände zu sammeln und in Vitrinen zu platzieren, es bedeutet sich mit den Gegenständen zu beschäftigen und eine Geschichte mit ihnen zu erzählen. Dahinter steckt zuerst einmal viel Arbeit: Jedes Objekt muss katalogisiert werden, bevor es in ein Konzept aufgenommen und von den Mitarbeitenden präsentiert werden kann. Bei diesem Vorgang wird es erforscht, beschrieben, mit einer Nummer versehen und in die Kartei aufgenommen. Auch wenn dies erst einmal nicht so spannend klingt, ist hier oft echte Detektivarbeit gefragt, bei der man manchmal überraschende Entdeckungen macht und auf unglaubliche Geschichten stößt. Manche dieser Geschichten sind berührend andere erschreckend und einige sogar ziemlich traurig. Gemeinsam ist ihnen allen, dass sie es wert sind erzählt zu werden. Geschichte(n) erzählen geschieht zum einen durch den persönlich Kontakt mit den Besuchern - für mich eine der schönsten Aufgaben bei der Museumsarbeit - und zum anderen durch ein durchdachtes Ausstellungskonzept.

Auch das Gebäude beeinflusst das Ausstellungskonzept


Jedes Gebäude bringt Vor- und Nachteile mit sich, die in diesem Konzept zu berücksichtigen sind, die einen Dinge ermöglichen, andere wiederum ausschließen. Das Schulmuseum als Beispiel genommen, bietet an seinem jetzigen Standort in der Rottscheidter Str. 6 in Wuppertal-Vohwinkel, die Atmosphäre eines alten Schulgebäudes, was beim gesamten Besuch des Museums ein authentisches Erlebnis ermöglicht. Es ist fast wie eine kleine Zeitreise den historisch eingerichteten Klassenraum zu betreten und anschließend durch das Treppenhaus mit seinen breiten Stufen in das Obergeschoss zu gelangen, um durch die Sammlung historischen Schulmaterials zu stöbern.

Was hier nicht so einfach umsetzbar ist, ist ein modernes Museumskonzept mit großen Räumen und ein auf nur einige wenige Objekte gelenkter Fokus. Aber wer sagt, dass man so sein muss wie alle? Ein Museum mit historischen Objekten zu betreuen und Ausstellungskonzepte dafür zu entwerfen bedeutet nicht nur altes zu bewahren, sondern sich auch neuen Anforderungen zu stellen - im Moment vor allem Brandschutzauflagen - und das Interesse junger Menschen zu wecken. Es bedeutet immer wieder altes mit neuem zu verbinden und dies ist die spannende Aufgabe der wir uns derzeit widmen. Wenn sie mehr darüber erfahren oder gar selbst einmal daran teilhaben möchten, lade ich Sie herzlich dazu ein uns zu besuchen und uns auf diesem Blog und/oder unserer Facebookseite zu begleiten.

Melody Stach